Der Zusammenhang zwischen Schönheit und Gesundheit

Aus dem Buch „Zellnahrung“ von Catherine Shanahan

Der Begriff der Schönheit hat mit ausgewogenen geometrischen Proportionen zu tun

Schönheit kann uns ziemlich viel über unsere genetische Geschichte, unseren Körper und unsere Gesundheit erzählen. Catherine Shanahan beschreibt in ihrem Buch, dass sie diesen Zusammenhang auch in ihrer klinischen Arbeit immer wieder beobachtet. Beschwerden des Bewegungsapparates gehören zu den häufigen Gründen für einen Arztbesuch. Dabei können Fehlstellungen, muskuläre Dysbalancen und Asymmetrien des Körpers eine Rolle spielen.

Auch im Bereich der Chiropraktik spielt die Beurteilung der Ausrichtung des Skeletts eine wichtige Rolle, also gewissermaßen eine andere Art, über Symmetrie und Balance zu sprechen. Eine kleine physische Asymmetrie kann sich über die „kinetische Kette“ fortsetzen und zu einer sekundären Dysbalance führen, die einen Sportler vielleicht wochen- oder monatelang außer Gefecht setzt.

Bauern, Veterinäre oder z.B. Pferdezüchter fragen sofort nach, was die Mutter gefressen hat, wenn das Fohlen mit abnorm gekrümmten Beinen zur Welt kommt. Shanahan stellt dem die Beobachtung gegenüber, dass die Ernährung der Mutter in der Humanmedizin ihrer Ansicht nach wesentlich seltener als mögliche Einflussgröße betrachtet wird, selbst wenn sich unmittelbar nach der Geburt ernsthafte Probleme zeigen.

Unser Wunsch nach Schönheit entspringt nicht nur der Eitelkeit. Nach Shanahans Auffassung kann unser Aussehen auch etwas über körperliche Entwicklung und Gesundheit verraten, weil Form und Funktion miteinander zusammenhängen. Bestimmte Abweichungen in der Entwicklung von Gesicht, Kiefer und Schädel können durchaus funktionelle Folgen haben. Kinder mit einer ungünstigen Kiefer- oder Schädelentwicklung brauchen beispielsweise häufiger eine Zahnspange oder kieferchirurgische Korrekturen. Auch sehr enge Nasengänge können die Nasenatmung beeinträchtigen und Beschwerden begünstigen.

 

Die Form eines Kiefernzapfens, die Segmente eines Insektenkörpers, die Spirale der Nautilusmuschel, Ihre Fingerknochen und die relative Größe Ihrer Zähne – überall in der Natur begegnen uns geometrische Formen und Proportionen, von denen manche mit Phi oder verwandten mathematischen Mustern in Verbindung gebracht werden. Wenn ein Pflanzentrieb ein neues Blatt produziert, soll auf die unteren Blätter möglichst wenig Schatten geworfen werden, sodass sie weiterhin das Sonnenlicht zur Photosynthese nutzen können. Man nennt dies Phyllotaxis (Blattstellung). Bei sehr vielen Pflanzen entstehen dabei charakteristische spiralartige Anordnungen von Blättern, Blüten oder Samen, die häufig mit Fibonacci-Mustern zusammenhängen.

Verzweigte, sogenannte dendritische Strukturen begegnen uns auch an ganz anderer Stelle, beispielsweise bei den Nervenzellen im Gehirn. Solche wiederkehrenden Wachstumsmuster entstehen im Zusammenspiel genetischer Steuerung mit physikalischen, chemischen und mathematisch beschreibbaren Prozessen. Die DNA liefert also nicht allein eine Art detaillierten Bauplan für jede einzelne Form; während des Wachstums wirken zugleich grundlegende Gesetzmäßigkeiten, durch die komplexe Strukturen entstehen.

Für Shanahan sind diese wiederkehrenden Muster deshalb kein bloßer Zufall. Sie sieht darin einen Ausdruck jener elementaren mathematischen Ordnung, die den Formen der Natur und letztlich dem Universum selbst zugrunde liegt. Sie geht sogar noch einen Schritt weiter und bringt geometrische Ordnung auch mit der Entwicklung und Verschaltung unseres Nervensystems in Verbindung. Durch die Biomathematik können wir erkennen, dass wiederkehrende Muster überall in unserer Umgebung mehr als reiner Zufall sind. Sie zeigen, dass sich hinter der großen Vielfalt lebender Formen grundlegende mathematische und physikalische Prinzipien verbergen.

Nach jahrelanger Forschung kam die Autorin zu dem Schluss, dass vieles darauf hindeutet, dass Bedingungen, die eine gesunde körperliche Entwicklung begünstigen, zugleich Einfluss auf Merkmale haben können, die wir als schön empfinden. Für Shanahan bilden Schönheit und Gesundheit deshalb ein eng miteinander verbundenes Gesamtpaket. Je stärker bestimmte Merkmale Gesundheit und eine günstige Entwicklung signalisieren, desto eher können sie auch beeinflussen, wie attraktiv ein Mensch auf andere wirkt.

Für Shanahan läuft auch körperliche Anziehung auf biologische und mathematische Zusammenhänge hinaus:Wenn Sie sich von jemandem angezogen fühlen oder wenn Sie sich von jemandem im Gegenteil gar nicht angezogen fühlen, wertet Ihr Gehirn innerhalb kürzester Zeit eine Vielzahl äußerer Merkmale aus. Das hat nichts mit Oberflächlichkeit zu tun. Shanahan geht dabei noch weiter: Für sie entspringen die Gesetzmäßigkeiten körperlicher Anziehung demselben „Urstoff des Universums“, der auch hinter den Gesetzen von Technik, Chemie und Physik steht, und lassen sich besonders gut in der Sprache der Mathematik und Geometrie beschreiben.

Die Suche nach einem Code der Natur, der lebende Formen hervorbringt, führt dabei zum Goldenen Schnitt, durch den griechischen Buchstaben Phi (Φ) symbolisiert. Schon die alten Ägypter und Griechen beschäftigten sich mit harmonischen Proportionen und geometrischen Vorstellungen von Schönheit. Später wurde Phi zum Symbol für eine geradezu zeitlose Schönheit und erhielt in der Renaissance den Namen „Göttliche Proportion“.

Unternimmt man einen Spaziergang in der Natur, können Sie bei genauerem Hinsehen Muster erkennen: Kurven, Wirbel, Spiralen, ja sogar sich wiederholende Zahlen. Besonders bekannt ist die Fibonacci-Folge (1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55 … immer die letzten beiden Zahlen in der Reihe addiert, ergibt die nächste Zahl). Muster, die mit Fibonacci-Zahlen und verwandten geometrischen Anordnungen beschrieben werden können, finden sich tatsächlich vielfach in der Natur, beispielsweise bei der Anordnung von Blättern, Samen oder Blütenständen. Auch menschliche Proportionen werden immer wieder auf mögliche Beziehungen zum Goldenen Schnitt untersucht.

Ernährung von Müttern vor und während der Schwangerschaft

Oft verläuft die Schwangerschaft und Geburt des zweiten Kindes einfacher als die erste. Zumindest für die Mutter, denn der Körper hat eine Geburt bereits durchlaufen und verschiedene körperliche Veränderungen können eine weitere Entbindung erleichtern. Wenn sich die Mutter jedoch nicht genügend Zeit gibt, sich zwischen zwei Schwangerschaften zu erholen und ihre Nährstoffdepots wieder aufzufüllen, kann ein sehr kurzer Abstand zwischen Schwangerschaften mit gesundheitlichen Risiken für Mutter und Kind verbunden sein. Shanahan sieht darin auch eine mögliche Erklärung dafür, warum sich Geschwister trotz ähnlicher genetischer Voraussetzungen unterschiedlich entwickeln können. Das heißt nicht, dass das zweite Kind „unglückliche Gene“ mitbekommen hat, sondern dass es, verglichen mit seinem älteren Geschwisterkind, unter anderen Bedingungen herangewachsen ist.

Nicht jede Schwangere ist mit allen wichtigen Nährstoffen optimal versorgt. Gleichzeitig steigt während der Schwangerschaft der Bedarf an verschiedenen Vitaminen und Mineralstoffen deutlich an. Bereits ein ausgeprägter Mangel bestimmter Nährstoffe kann die Entwicklung des Babys beeinträchtigen. Um das heranwachsende Kind zu versorgen, verfügt der Körper über ausgeklügelte Mechanismen, mit denen Nährstoffe über die Plazenta zum Fötus transportiert werden. Bei manchen Nährstoffen kann dies tatsächlich zulasten der Reserven der Mutter gehen.

Der Fötus ist dadurch bis zu einem gewissen Grad gegen Schwankungen in der Nährstoffversorgung der Mutter geschützt. Shanahan beschreibt dieses Verhältnis sehr drastisch und vergleicht den Fötus mit einem „Parasiten“, der sich nimmt, was er für seine Entwicklung benötigt. Bei einer unzureichenden Kalziumzufuhr können beispielsweise mütterliche Knochenreserven stärker beansprucht werden. Auch bei Eisen, Folsäure, Jod und verschiedenen anderen Nährstoffen verändert eine Schwangerschaft den Bedarf und den mütterlichen Stoffwechsel erheblich. Während Schwangerschaft und Stillzeit benötigt der Körper unter anderem Eisen, Folsäure, Kalzium, Vitamin D, Vitamin A, Magnesium, Jod, Omega-3-Fettsäuren einschließlich DHA, Phosphor, Zink, Vitamin B12 und Selen für die Versorgung von Mutter und Kind.

Shanahan beschreibt die Schwangerschaft deshalb als eine enorme Investition des mütterlichen Körpers. Aus ihrer Sicht erklärt das, weshalb eine gute Nährstoffversorgung nicht erst während der Schwangerschaft wichtig ist, sondern bereits davor und ebenso in der Zeit danach, wenn die eigenen Reserven wieder aufgebaut werden.

Jedes weitere Kind, das bereits nach kurzer Zeit empfangen wird, wenn die Speicher der Mutter noch nicht wieder gefüllt sind, kann unter ungünstigeren Voraussetzungen heranwachsen. Auch für die Mutter können sehr kurze Abstände zwischen Schwangerschaften eine zusätzliche körperliche Belastung darstellen. Dem genetischen Überleben folgend, verfügt der Körper über Mechanismen, die die Versorgung des ungeborenen Kindes auch unter weniger günstigen Bedingungen möglichst lange aufrechterhalten. Shanahan beschreibt dies als biologischen Kompromiss zwischen den Bedürfnissen der Mutter und denen des heranwachsenden Kindes.

Hierbei ist auch noch zu berücksichtigen, dass Zucker und bestimmte Pflanzenöle nach Shanahans Argumentation die Signalübermittlung beeinträchtigen können, die unser Körper für normale Stoffwechselprozesse braucht(siehe Artikel: Öle und Fette). Mit „Pflanzenölen“ bezeichnet sie dabei bestimmte samen- und kernbasierte Öle; Olivenöl, Kokosöl und Palmöl nimmt sie ausdrücklich von ihrer Kritik aus. Die Ernährung vieler Frauen enthält jedoch reichlich Zucker und stark verarbeitete Lebensmittel mit solchen Ölen. Shanahan sieht darin einen weiteren Faktor, der ungünstige Stoffwechselbedingungen während der Schwangerschaft verstärken kann. Ein dauerhaft hoher Zuckerkonsum kann zudem Stoffwechselprozesse ungünstig beeinflussen und steht auch im Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für Schwangerschaftsdiabetes.

In den USA werden Schwangeren pränatale Vitaminpräparate empfohlen, dennoch garantiert deren Einnahme allein keine optimale Versorgung mit allen benötigten Nährstoffen. Auch bei Schwangeren können Defizite einzelner Vitamine und Mineralstoffe auftreten. Die Probleme eines Nährstoffmangels können dadurch immerhin teilweise behoben werden. Eine ausgewogene Ernährung können solche Präparate jedoch nicht ersetzen.

Besonders wichtig ist die Nährstoffversorgung bereits vor der Empfängnis und während der ersten Schwangerschaftswochen, denn wesentliche Entwicklungsschritte finden zu einem Zeitpunkt statt, an dem manche Frauen noch gar nicht wissen, dass sie schwanger sind. Deshalb wird insbesondere Folsäure schon vor Eintritt einer Schwangerschaft empfohlen. Ist diese frühe Phase verstrichen, bleibt eine gute Versorgung mit Vitaminen und anderen Nährstoffen selbstverständlich während der gesamten Schwangerschaft wichtig. Bestimmte Entwicklungsprozesse und beispielsweise das Risiko für Neuralrohrdefekte lassen sich durch eine erst später begonnene Folsäurezufuhr jedoch nicht einfach nachträglich beeinflussen.

Wenn eine junge werdende Mutter von der Bedeutung der Ernährung bereits vor der Empfängnis nichts wusste, kann man ihr daraus kaum einen Vorwurf machen. Shanahan kritisiert vielmehr, dass die Vorbereitung auf eine Schwangerschaft gesellschaftlich noch immer stark auf die Zeit nach dem positiven Schwangerschaftstest konzentriert ist. Dabei könnte eine gute Nährstoffversorgung schon vorher beginnen. Dazu würde natürlich etwas mehr gehören, als eine Tablette einzunehmen. Es würde eine Verbesserung des Nährstoffgehalts im Essen der Mutter erfordern.

Die traditionelle Strategie für eine gesunde Schwangerschaft

In den 1970er Jahren berichtet Shanahan von Widerstand gegen den Bau zusätzlicher Krankenhäuser in Teilen Afrikas, der unter anderem von Großmüttern in den Dörfern ausging. Nach ihrer Darstellung fürchteten diese Frauen, dass der zunehmende Einfluss westlicher Lebensweisen traditionelle Regeln rund um Schwangerschaft und Geburtenabstände verdrängen könnte. Eine Frau aus dem Batetela-Stamm der Oberen Kongo-Region erklärte:

„Wir machen uns heute keine Gedanken mehr darüber, zwischen den Geburten unserer Kinder mehr Zeit verstreichen zu lassen. … Unsere Vorfahren hatten kräftigere Kinder, weil diese nicht zu kurz hintereinander auf die Welt kamen. Heute machen die Eltern sich keine Sorgen mehr, wenn ihre Kinder krank werden. Sie denken, dass sie jederzeit ein Medikament kaufen können und es ihrem Kind dann wieder gut geht. Aus diesem Grund schlafen die Eltern nach der Geburt eines Kindes auch nicht mehr eine gewisse Zeit lang getrennt, wie es zur Zeit unserer Vorfahren üblich war.“

Shanahan sieht darin allerdings noch einen weiteren Konflikt: Die traditionelle Praxis, zwischen zwei Geburten eine gewisse Zeit verstreichen zu lassen, passte ihrer Ansicht nach nicht zu den langfristigen Expansionszielen „aufgeklärter“ Westler, die sich mehr um die Anzahl der Mitarbeiter als um ihre Lebensqualität kümmerten. Dieser Eingriff in die Gesellschaftsregeln ist aber nicht nur ein Problem der Frauen, sondern reicht über die Politik hinaus. Wir alle profitieren von der guten Gesundheit unserer Kinder. Aus Shanahans Sicht gehört dazu auch, dem Körper einer Frau nach Schwangerschaft und Stillzeit ausreichend Zeit zu geben, sich zu erholen und die beanspruchten Nährstoffreserven wieder aufzufüllen. Sie plädiert dafür, zwischen Schwangerschaften mindestens drei, besser noch vier Jahre verstreichen zu lassen.

In früheren Jahrhunderten gehörte es zur Verantwortung der Eltern, ihre Kinder vor Krankheit zu bewahren. Shanahan kritisiert, dass wir uns heute an viele gesundheitliche Probleme so sehr gewöhnt haben, dass sie häufig als unvermeidliche Begleiterscheinungen des Lebens erscheinen – sogar bei Kindern. Sie geht davon aus, dass dabei nicht nur die gegenwärtige Lebensweise eine Rolle spielt, sondern auch Einflüsse vorangegangener Generationen über epigenetische Mechanismen nachwirken können.

Der „genetische Reichtum“ einer Familie ist für Shanahan jedoch kein unveränderliches Schicksal. Gerade die Zeit vor einer Schwangerschaft sieht sie als Gelegenheit, möglichst gute Voraussetzungen für die Entwicklung eines Kindes zu schaffen. Dazu gehört für sie, Zucker und die von ihr kritisierten Pflanzenöle weitgehend vom Speiseplan zu streichen. Das heißt: keine industriell verarbeiteten Lebensmittel, kein Fast Food, Junkfood und keine süßen Getränke.

Der Nährstoffgehalt unserer Lebensmittel hat sich über die vergangenen Generationen verändert. Shanahan führt dies unter anderem auf Veränderungen der Böden, der Landwirtschaft, der angebauten Sorten und der Lebensmittelproduktion zurück.

Während die Autorin auf Hawaii lebte und arbeitete, kamen manchmal vier Generationen gleichzeitig zu ihr in die Sprechstunde, sodass sie aus nächster Nähe beobachten konnte, wie unterschiedlich sich Gesundheit und körperliche Entwicklung innerhalb einer Familie darstellten. Wie sie ziemlich oft sah, war folgendes: Die Urgroßmutter, die auf dem Bauernhof der Familie zur Welt gekommen war und in den Achtzigern war, hatte noch ein gutes Sehvermögen und ihre eigenen Zähne und hatte eine dünne Patientenkartei. Sie war meist die Gesündeste von allen. Das jüngste Kind andererseits wies nach Shanahans Beobachtung nicht selten verschiedene gesundheitliche Probleme auf:Aufmerksamkeitsdefizit, Asthma, Hautprobleme und wiederkehrende Ohrinfektionen. In einzelnen Fällen beobachtete sie auch Entwicklungsstörungen oder nicht vollständig ausgebildete Organe.

Shanahan interpretiert solche Unterschiede zwischen den Generationen als sichtbare Folgen einer langfristigen Veränderung unserer Ernährung und Umwelt. Innerhalb einer Familie glaubte sie dabei ein wiederkehrendes Muster zu erkennen: Je früher traditionelle Lebensmittel zugunsten einer Convenience-Ernährung aufgegeben wurden, desto deutlicher zeigten sich ihrer Beobachtung nach gesundheitliche Probleme in den nachfolgenden Generationen.

Ernährung und kindliche Entwicklung

Sehvermögen: Eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung liefert verschiedene Nährstoffe, die auch für die Entwicklung und Funktion der Augen benötigt werden. Shanahan nennt in diesem Zusammenhang unter anderem Eiweiß, Fett, Vitamin B1, B2 und C sowie Phosphor und Eisen.

Kognitive Entwicklung: Shanahan empfiehlt, stark verarbeitete stärke- und zuckerreiche Snacks weitgehend wegzulassen. Für die Entwicklung von Gehirn und Nervensystem spielen zahlreiche Nährstoffe eine Rolle. Besonders hebt sie Vitamin E, Omega-3-Fettsäuren und Jod hervor. In Studien wurden Zusammenhänge zwischen der Versorgung mit bestimmten Nährstoffen und der späteren kognitiven Entwicklung von Kindern beobachtet. Auch der Omega-3-Status während der Schwangerschaft und bei der Geburt wird in diesem Zusammenhang untersucht.

Immunsystem: Eine vielfältige Darmflora spielt für die Entwicklung des Immunsystems eine wichtige Rolle. Eine geringere mikrobielle Vielfalt wird unter anderem mit Allergien und Asthma in Verbindung gebracht. Stillen unterstützt die frühe Entwicklung des kindlichen Darmmikrobioms. Shanahan empfiehlt außerdem fermentierte Lebensmittel und viel Kontakt mit einer natürlichen Umgebung, etwa beim Spielen im Freien.

Pubertät: Insulinresistenz vermeiden. Der häufige Verzehr stark verarbeiteter, energiereicher Lebensmittel und Übergewicht können mit Insulinresistenz verbunden sein. Bei Mädchen stehen Übergewicht, Insulinresistenz und andere Stoffwechselfaktoren mit einem früheren Einsetzen der Pubertät in Zusammenhang. Bei Jungen kann Insulinresistenz mit Veränderungen des Hormonhaushalts, darunter niedrigeren Testosteronwerten, verbunden sein. Da Sexualhormone während der Pubertät eine wichtige Rolle für Muskelentwicklung, Körperbehaarung und die Entwicklung der Geschlechtsorgane spielen, können ausgeprägte hormonelle Störungen auch diese Entwicklungsprozesse beeinflussen.

 

Wann haben wir angefangen, wie Chemiker über unser Essen zu sprechen? Shanahan verortet diesen Wandel in der Zeit der industriellen Revolution, und das ist für sie kein Zufall. Mit den Fortschritten der Chemie begann man zunehmend, Lebensmittel anhand ihrer einzelnen Bestandteile zu untersuchen und unter anderem in Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße zu unterteilen.

Man kann zwar Lebensmittel aufspalten, raffinieren und einzelne Bestandteile wie Eiweiß, Kohlenhydrate oder Fett isolieren, dabei können jedoch andere Bestandteile des ursprünglichen Lebensmittels verloren gehen oder verändert werden. Bestimmte Bestandteile aus ursprünglichen Lebensmitteln zu isolieren, wie wir dies bei Mehl, Zucker oder Proteinpulver machen, und dann zu erwarten, dass diese Produkte den gleichen Nährwert und dieselben Eigenschaften wie das ursprüngliche Lebensmittel besitzen, greift deshalb zu kurz. Auch bei industriell stark verarbeiteten Lebensmitteln lohnt es sich, nicht nur auf einzelne zugesetzte oder hervorgehobene Nährstoffe zu schauen, sondern auf das Lebensmittel als Ganzes.

Diese analytische Art, über Essen zu sprechen, hält uns davon ab, über einen für Shanahan besonders wichtigen Aspekt jedes Lebensmittels zu sprechen: seine Herkunft.

„Aber wenn das Denken die Sprache verderben kann, kann auch die Sprache das Denken verderben.“  George Orwell

Für Shanahan repräsentieren die Massai eine der indigenen Kulturen, in denen sich traditionelle Ernährungsweisen und eine enge Verbindung zwischen Nahrung, Viehhaltung und Lebensraum besonders lange erhalten haben. Sie betrachtet diese Kultur deshalb gewissermaßen als ein Fenster zu unserer Vergangenheit. In traditionellen Gesellschaften waren Ernährung und Lebensweise unmittelbar mit dem Land, den Tieren und den essbaren Pflanzen der jeweiligen Umgebung verbunden. Aus diesem engen Verhältnis ergab es sich, dass die Menschen anders über Essen sprachen, als wir dies heute tun.

Für uns ist Essen primär ein Treibstoff, eine Energiequelle und manchmal eine Quelle des Vergnügens, aber zugleich verbunden mit Schuldgefühlen. Für Menschen, die mit ihren kulinarischen Ursprüngen eng verbunden sind, ist Essen sehr viel mehr. Es ist ein Teil ihrer Religion und ihrer Identität. Für die Massai spielt ihr Vieh eine zentrale Rolle im Leben, ebenso wie das Land, von dem Mensch und Tier abhängig sind.

Kein Massai würde auf die Idee kommen, die Nahrung in analytische Kategorien zu unterteilen und über Kalorienzahl, täglich verzehrte Eiweiß-, Fett- oder Kohlenhydratmenge zu sprechen. In den Vereinigten Staaten dagegen wird Ernährung häufig genau in solchen Kategorien betrachtet. Unsere heutige Sprache über das Essen vermittelt wenig über kulinarische Traditionen, und es wird dadurch auch kaum eine Verbindung zwischen dem, was wir essen, und der Umgebung, aus der dieses Essen stammt, hergestellt. Wir sagen Dinge wie „Achte auf deine Kohlenhydrate!“ und „Meide gesättigte Fette“.

Shanahan sieht in diesem Wandel der Sprache zugleich einen Wandel unseres Verhältnisses zum Essen: Statt Lebensmittel als Teil einer über Generationen gewachsenen Esskultur wahrzunehmen, betrachten wir sie zunehmend als Ansammlung einzelner Nährstoffe, Kalorien und vermeintlich „guter“ oder „schlechter“ Bestandteile. Für sie ist mit dem Verlust traditioneller Ernährungsweisen deshalb auch ein Stück jener Beziehung zwischen Nahrung, Herkunft und Lebensweise verloren gegangen.

Ernährung verändert uns

Warum essen wir heute industriell verarbeitetes Essen? Weil es billig und praktisch ist. Heutzutage können viel beschäftigte Eltern eine tiefgekühlte Lasagne kaufen, mit der sie eine fünfköpfige Familie satt bekommen und die ungefähr ebenso viel kostet wie eine selbst zubereitete. Sie befindet sich in einer Wegwerfaluform, damit ist das „Kochen“ schnell und ohne Aufwand und Chaos in der Küche möglich. In der Tiefkühltruhe hält sie lange, und Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate sind natürlich ebenfalls enthalten. Doch ein Lebensmittel besteht aus mehr als der Summe dieser groben Nährstoffkategorien. Genau hier setzt Shanahans Kritik an unserer modernen Vorstellung von Ernährung an.

Die Ernährung unserer Vorfahren veränderte sich, wenn sie von einem Ort an einen anderen zogen. Sie passten ihre Essgewohnheiten an das an, was die neue Umgebung hervorbrachte, und entwickelten daraus über Generationen eigene kulinarische Traditionen. Shanahan sieht darin einen wesentlichen Unterschied zu unserer heutigen Ernährung: Sie dachten bei ihren Lebensmitteln nicht in Begriffen wie Eiweiß und Fett. Sie dachten eher an gute Böden, gesunde Tiere und frisch geerntetes Gemüse. Auf diese Weise hielten die traditionellen Praktiken ihrer Kultur und die Lebensmittel, die sie aßen, sie fest mit der natürlichen Welt verbunden.

Damit schließt sich auch der Kreis zu Shanahans Ausgangspunkt: Nahrung ist für sie weit mehr als Treibstoff. Was wir essen, hat eine Herkunft, eine Geschichte und eine bestimmte Zusammensetzung, die sich nicht vollständig in Kalorien, Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate zerlegen lässt. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wie viel von einem bestimmten Nährstoff wir zu uns nehmen, sondern auch, aus welchen Lebensmitteln er stammt und was mit diesen Lebensmitteln geschehen ist, bevor sie auf unserem Teller landen.

Besonders ausführlich verfolgt Shanahan diesen Gedanken bei den Fetten. Sie unterscheidet zwischen traditionellen Fetten und bestimmten industriell verarbeiteten Pflanzenölen und beschäftigt sich damit, was bei deren Herstellung, Verarbeitung und Erhitzung geschieht. Genau darum geht es im folgenden Beitrag: „Öle und Fette“.

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